Schriften zur Archäologischen Numismatik (SARN)

herausgegeben von M.Nenninger & H.Seilheimer
   


Band 1:
Leseprobe  


Erdogan Isik
: Frühe Silberprägungen in Städten Westkleinasiens.
Saarbrücken, COD-Verlag 2003 (zugl. Halle, Univ. Diss., 1998).

Zum Inhalt:

In der numismatischen Forschung ist der Übergang von der Elektron- zur Silberprägung und die Verbreitung der Silberwährung in Westkleinasien aus metallurgischem und wirtschaftspolitischem Blickwinkel von besonderer Bedeutung. Inhalt dieser Arbeit ist die Analyse bedeutender westkleinasiatischer Silberprägungen aus dem Zeitabschnitt bis zum ionischen Aufstand. Neben den Prägungen der ionischen Städte werden ausgewählte Emissionen karischer Münzstätten miteinbezogen. Prägungen dieser beiden ethnisch-kulturell verschiedenen, geographisch aber benachbarten Gebiete wurden auf ihre gegenseitigen Einflüsse untersucht und Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten unter Berücksichtigung einiger grundsätzlicher Fragestellungen herausgearbeitet: Unter welchen Voraussetzungen und aus welchen Gründen wurde die Silberprägung eingeführt? Welche historische und ökonomische Bedeutung und Funktion hatte sie? Welche Rolle spielte der Stempelschnitt in der archaischen Kunst, und was vermittelt uns die Münze durch ihre Bilder und ihren Umlauf über die geistige Welt und über die interkulturellen Beziehungen zwischen den Städten und Landschaften in der archaischen Zeit?

Ein Grund für die Einführung des Bimetallismus im Untersuchungsgebiet waren die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem lydischen Reich, den Adelshäusern und den Kultstätten auf dem griechischen Festland. Insbesondere pflegte Kroisos freundschaftliche Beziehungen zu dem militärisch mächtigen Sparta. Um den Warenverkehr und den Verkauf des lydischen Metalles zu erleichtern und die bestehenden Absatzmärkte nicht zu verlieren, lag der Bimetallismus im Interesse des lydischen Königs. Auch innenpolitisch war die neue Münzprägung notwendig, da Kroisos seine finanziell stärkeren Gegenspieler durch die Monopolisierung der Münzprägung ausschalten konnte. Somit kann der als Reaktion auf äußeren und inneren Druck notwendigerweise eingeführte Bimetallismus in Lydien nicht mit der ersten Einführung der Silberprägung in der antiken Welt überhaupt in Verbindung gebracht werden. Da die meisten ionischen Städte traditionsgemäß auf lydisches Metall angewiesen waren, begann die Silberprägung in den übrigen Städten erst mit bzw. nach dem Bimetallismus in Lydien.

Verschlechterungen durch Zugabe von Silber bei den bimetallischen Prägungen führten jedoch allmählich zu einer Ablehnung der Elektronprägung, weswegen sich u.a. die karisch-dorischen Städte an der Küste Westkleinasiens sowie die vorgelagerten Inseln und später die ionische Stadt Teos der äginetischen Silberwährung anschlossen und Münzen mit eigener Technik und charakteristischen Vs.-Bildern schon in der 1. Hälfte des 6. Jhs prägten. Mit der Silberprägung ging die Elektronprägung zwar nicht zu Ende, aber es begannen die städtischen Prägungen mit eigenem Wappen, die hauptsächlich aus dem Bildrepertoire der Elektronprägung schöpften. Klazomenai und Milet beispielsweise haben ihre Elektron- und Silbermünzen in der Anfangsphase parallel nebeneinander geprägt.

In Athen hingegen hat es kein einheitliches Vs.-Bild gegeben wie bei den frühen Elektronprägungen in Westkleinasien. Die Reformen des Solon und die Einführung der Tetradrachmenprägung mit Athenakopf in den 60er Jahren sind die wesentlichen Maßnahmen, die im 6. Jh. schrittweise zur Vereinheitlichung des Münzwesens in Athen führten.

Die Bilder der Prägungen karischer Städte sind in Technik und Stil deutlich von den ionischen zu unterscheiden. Die Umrisse der Figuren sind scharf und kantig geschnitten. Sie sind von der Grundfläche in gleicher Höhe abgehoben. Bei der Löwenprotome sind die einzelnen Teile durch eine eigene Stilisierung voneinander getrennt. Sowohl das Löwenbild als auch das Pferdebild stammen von ihrem Stil und ihrer Bildtradition aus dem dorisch-lakonischen Kunstkreis. Die Form des Rs.-Stempels der Münzen mit Löwenprotome ähnelt mit ihren zwei länglichen rechteckigen Incusa den Stempeln auf Prägungen rhodischer Städte. Die drei Blütenornamente in den Incusa auf den Münzen mit einem Pferdevorderteil gehören ebenfalls der archaisch-dorischen Ornamentik in der Toreutik an. Es ist damit deutlich, daß in den karisch-dorischen Städte an der Küste Westkleinasiens schon im späten 2. Viertel des 6. Jhs. lakonische Metallurgen als Stempelschneider tätig waren.

Die mit dem ionischen Aufstand in Verbindung gebrachten Münztypen erstrecken sich über einen längeren Zeitraum, wie mehrere Serien (Klazomenai, Teos und Milet) mit verschiedenen Stilphasen eines Münztypus belegen. Darüber hinaus liegen uns ausreichend viele Silbermünzen von Milet vor, deren Löwenbilder in Stil und Typus mit denen auf den Kroseiden vergleichbar sind. Für die Finanzierung des ionischen Aufstandes hat es aus diesem Grund keine Sonderprägungen mit abweichenden Typen gegeben. Es handelt sich bei den sog. Aufstandsprägungen um Münztypen, die schon lange im Umlauf waren oder weiter herausgegeben wurden. Unmittelbar vor oder während des Aufstandes wurde die Münzprägung sicherlich beschleunigt. Es sind dies z. B. die letzten Serien der Prägungen von Klazomenai und Milet, die im Stempelschnitt eine flüchtige und hastige Anfertigung aufweisen.

Mit der Niederschlagung des ionischen Aufstandes ging in Westkleinasien ein Zeitabschnitt zu Ende, in dem sich die ostgriechische Münzprägung nach einer kurzen Unterbrechung um die Mitte des Jahrhunderts weiter entfaltet und in der Kunst einen Höhepunkt erreicht hat. Die bedeutenden archaischen Prägestätten wie Klazomenai und Milet waren von den Folgen des Aufstandes so betroffen, daß sie erst im 4. Jh. in der Masse und Qualität der archaischen Zeit wieder zu prägen beginnen.

   




 

 



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